the-pit August 2010 über Astrum et Abyssum:

Man könnte den Stil von Astrum et Abyssum als eigenwillig bezeichnen. Man könnte auch feuilletonistisch von Musikeklektizismus sprechen. Auf jeden Fall sind die Klänge, die das Septett aus Mannheim mit seinem Debüt „Ritual“ aufs Hörerohr loslässt, reichlich ungewöhnlich: Hymnischen Heavy Metal führt man mit sphärischen Keyboards, Buschtrommeln und australischen Didgeridooklängen zusammen. Dazu noch Gesang aus weiblicher Kehle, deutsche Texte und anspruchsvolle Themen wie Zwangsheirat, Beschneidung oder Vertreibung – fertig ist der Exotenbonus. Astrum et Abyssum dürften mit dieser Kombination von Instrumenten jedenfalls weitgehend allein auf weiter Flur dastehen.
Die Gewichtung der exotischen Klänge ähnelt dabei den zahllosen Mittelalter-Rock- und Metalbands, die ja schon seit Jahren steinaltes Instrumentarium mit verzerrten Gitarren vermischen: Die meiste Zeit wird recht straighter, harter Rock gespielt, der gelegentlich mit Trommeln, Didgeridoo und pseudo-archaischen Männerbackgroundchören aufgefrischt wird. In ganz neue Klangwelten stoßen also auch Astrum et Abyssum nicht vor; die Exotik bleibt eher schmückendes Beiwerk. Das allerdings setzt die Band gekonnt in Szene.
Wie gut das funktionieren kann, zeigt wohl „Jagdblut“ am besten. Leise Congas, atmosphärische Keyboardsounds und das geheimnisvolle Gemurmel des Didgeridoos stehen im Intro und der Songmitte rockigen Strophen gegenüber. Die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Stimmungen schafft die Band erstaunlich fließend und besonders der Zusammenklang von Gitarren und Didgeridoo bleibt im Ohr zurück.
Auch wenn nicht in jedem Song so umfangreich und gekonnt mit den ungewohnten Sounds hantiert wird, so findet sich doch in jedem Track zumindest ein kleiner Teil davon. Der Rest ist solide gemachter Rock - gekonnt, aber nicht herausragend. Besondere Bedeutung kommt natürlich neben exotischen Klängen auch noch den deutschen Texten aus der Feder von Frontfrau Beate Scherer zu. Die Themen, die sie lyrisch verarbeitet, sind nicht immer leicht verdaulich, stechen dafür aber deutlich aus der Masse des textlichen Einerleis heraus. Sogar der bei deutschen Texten sonst übliche Fremdschämeffekt fällt erfreulich gering aus; nur selten wirkt die Lyrik plump oder stolpert über ihre eigene Metaphorik. Auch ein Gastautor ist auf „Ritual“ vertreten: den Text zu „Glockenschrei“ leiht man sich zu großen Teilen aus Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“.
Über Frau Scherers stimmliche Qualitäten kann man sicherlich streiten; ihr recht rockiges Organ weiß zwar meist zu gefallen, stellt aber kein Highlight der Platte dar. Besonders die Aussprache in Passagen, die besonders hart und bestimmt klingen sollen, wirkt leicht affektiert. Entschädigt wird man als Hörer dafür mit hymnischen Melodien und dem schon genannten lyrischen Anspruch, der Stoff zum Nachdenken bietet.
Fazit: Astrum et Abyssum sind ganz klar etwas Besonderes. Höchst kreativ mischen die sieben Musiker ihre Einflüsse zusammen und schaffen es, mystische Atmosphäre mit klassischen Rocksounds zu verbinden. „Ritual“ ist damit eine hervorragende Platte für alle Fans von gelungenen Experimenten und neuen Klängen.